Archiv für die Kategorie ‘Lyrikbearbeitungen’
Szenen zu Texten von Ulla Hahn und Franz Kafka
Möglicherweise haben die Texte von Ulla Hahn nichts miteinander zu tun, möglicherweise kann man sie aber auch in Beziehung zueinander setzen.
Ich möchte hier nichts vorwegnehmen und bin sehr gespannt auf die Ergebnisse.
Mit Haut und Haar Ulla Hahn
Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre
und tauchte dich in meinen Sommer ein
ich leckte dir die Hand und Haut und Haare
und schwor dir ewig mein und dein zu sein.
Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen
mit sanftem Feuer in das dünne Fell.
Da ließ ich von mir ab. Und schnell
begann ich vor mir selbst zurückzuweichen
und meinem Schwur. Anfangs blieb noch Erinnern
ein schöner Überrest der nach mir rief.
Da aber war ich schon in deinem Innern
vor mir verborgen. Du verbargst mich tief.
Bis ich ganz in dir aufgegangen war:
da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.
Kleine Fabel Franz Kafka
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.
Szenische Bearbeitung des Themas „Zeit“
Arbeit mit Textfragmenten in Einzel- und Gruppenpräsentation. Erarbeitung einer Performance in der Gruppe mit eigenem Text zum Thema „Zeit“ und mit Textfragmenten aus „Die Zeit geht nicht“ von Gottfried Keller und „Kinder wie die Zeit vergeht“ von Kontad Balder Schäuffelen.
Gottfried Keller
Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.
Ein Etwas, form-und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder sie zerrinnt.
Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts –
Ein Tag kann eine Perle sein
Und hundert Jahre – Nichts!
Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem besten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.
An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End,
Schreib ich ‚nen kurzen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.
Froh bin ich, dass ich aufgetaucht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz!
Günter Eich
Augenblick im Juni
Wenn das Fenster geöffnet ist,
Vergänglichkeit mit dem Winde hereinweht,
mit letzten Blütenblättern der roten Kastanie
und dem Walzer „Faszination“
von neunzehnhundertundvier,
wenn das Fenster geöffnet ist
und den Blick freigibt auf Flußhafen und Stapelholz,
das immer bewegte Blattgewirk der Akazie, -
wie ein Todesurteil ist der Gedanke an dich,
Wer wird deine Brust küssen
Und deine geflüsterten Worte kennen?
Wenn das Fenster geöffnet ist
Und das Grauen der Erde hereinweht -
Das Kind mit zwei Köpfen,
- während der eine schläft, schreit der andere -
es schreit über die Welt hin
und erfüllt die Ohren meiner Liebe mit Entsetzen,
(Man sagt, die Mißgeburten nähmen seit Hiroshima zu.)
Wenn das Fenster geöffnet ist, gedenke ich derer,
die sich liebten im Jahre neunzehnhundertundvier
und der Menschen des Jahres dreitausend,
zahnlos, haarlos.
Wem gibst du den zerrinnenden Blick, der einst mein war?
Unser Leben, es fähret schnell dahin als flögen wir davon
und in den Abgründen wohnt verborgen das Glück.
Isabel Tuengerthal Der Falter
Der Falter Isabel Tuengerthal
Wenn der Falter fliegt,
Denkt er dann,
Sobald das Licht ihn trifft,
An Untergang?
Oder fühlt er nur neuen Lebensmut?
Durchs Licht
Die Liebe
Und stürzt sich freudig in die Glut? Wenn der Falter glüht,
ist er dann
Seinem Traum ganz nah
Oder ist ihm bang?
Verflucht er seine Leidenschaft
Und stemmt die Flügel gegens Licht
mit allerletzter Kraft?
Wenn der Falter stirbt,
Fühlt er dann
Seines Herzens letzten Schlag
Und weißt er dann
Dass dieses Licht ihn mit Undendlichkeit belohnt,
Dass mit dem Licht sich sein ganzes Leben gelohnt?
Lyrik handlungsorientiert
Jakob van Hoddis (1887-1942)
1 Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
2 in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
3 Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
4 und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
5 Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
6 an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
7 Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
8 Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut Hut
Tanzen: A Wah, dabei dem Tänzer mit Hut denselben klauen. Der greift sich an den Kopf und sagt: oha / welch ein Wind / na so was / unerklärlich
In allen Lüften hallt es wie Geschrei Hugues Le Bars 4 (2Minuten)
Gehen, dabei sich immer wieder umsehen, woher die Gefahr, die Laute kommen
Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei Hugues le Bars 5
Im Raum schnell gehen und die Nachrichten hinausrufen
Der Dax ist um 10 Punkte gefallen
Dow Jones bricht ein
Lehmannbrothers pleite
Raubtierkapitalismus
Ackermann verzichtet auf seinen Bonus
Erste Firmenzusammenbrüche
Der große Crash!
An den Küsten steigt die Flut. Zeitungen
Zeitung aufschlagen: lesen(Gruppenregie)
Die Flut steigt
Wenn das nur gut geht
Man hätte schon längst die Dämme erhöhen müssen
Das sieht sehr ungünstig aus
Hier steht was über mögliche Schäden
Katastrophenwarnung
Das hat uns gerade noch gefehlt
Ich sag mal: Mist verdammter
Hier steht: der Sturm ist da
(Schweigen)Zusammenfalten der Zeitung und ablegen
Alle Darsteller gehen schnell durch den Raum
Abwechselndes Sprechen: die wilden Meere hupfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
· Ich bin der Indische Ozean, ich kann Ihnen sagen, ich habe schon ganz schön gewütet, seitdem ich an Land gesprungen bin und davor schon.
· Ostsee, ich bin bei Schwerin an Land gehüpft. Seitdem zerdrücke ich dicke Dämme
Wir sind hier, um dicke Dämme zu zerdrücken (Mehr zum Publikum)
Komm du dicker Damm, lass dich zerdrücken
Wieviele Dämme hast du denn schon zerdrückt? Antwort oder Ablehnung
Bei Zeitung stehenbleiben und nehmen
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen Stehen mit Zeitung
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken Hugues Le Bars 7
dann:
Durcheinanderlesen
»Wann treffen wir drei wieder zusamm’?«
»Um die siebente Stund’, am Brückendamm.«
»Am Mittelpfeiler.« »Ich lösche die Flamm’.«
»Ich mit.«
»Ich komme vom Norden her.«
»Und ich von Süden.«
»Und ich vom Meer.«
»Hei, das gibt ein Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.«
»Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund’?«
»Ei der muß mit.«
»Muß mit.«
»Tand, Tand,
Ist das Gebilde von Menschenhand.«
Ingeborg Bachmann „Reklame“ (Lyrik handlungsorientiert)
Reklame
Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille
eintritt
(Informationen zur handlungsorientierten Umsetzung können in Form eines Kommentars angefordert werden.)
Hermann Hesse
Im Nebel
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Wenn jemand weitere Informationen zur Umsetzung möchte, kann diese in Form eines Kommentars anfordern.
Lyrikbearbeitung „Kindertotenlieder“
Friedrich Rückert Kindertotenlieder
Du bist ein Schatten am Tage
Und in der Nacht ein Licht
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht
Wo ich mein Zelt aufschlage
Da wohnst du bei mir dicht
Du bist ein ein Schatten am Tage
Und in der Nacht mein Licht
Wo ich auch nach dir frage
Find ich von dir Bericht
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht
Du bist ein Schatten am Tage
Und in der Nacht ein Licht
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.
Wer sich für die handlungsorientierte Umsetzung bzw. Interpretation des Gedichtes interessiert, kann auf Anfrage die Anleitung dazu bzw. auch Informatinen zur verwendeten Musik erhalten.