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Auguste Bolte Kurt Schwitters
Auguste Bolte (2) sah etwa 10 Menschen auf der Straße, die in einer und derselben Richtung geradeaus vorwärts gingen. Das kam Auguste Bolte verdächtig, ja sogar sehr verdächtig vor. 10 Menschen gingen in einer und derselben Richtung. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Da mußte etwas los sein. Denn sonst würden nicht ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in genau einer und derselben Richtung gehen. Wenn nämlich nichts los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen nicht in der ausgerechnet selben Richtung, sondern dann gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 verschiedenen Richtungen. Das ist einmal sicher, und Fräulein Auguste Bolte war immer ein gescheites Mädchen gewesen, schon in der Schule. Wenn aber was los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in der Regel in einer und derselben Richtung, und nicht in 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 verschiedenen Richtungen. Wenn etwas los ist, können auch 10, 20, 30, 40, 50, 60, 70, 80, 90, 100 Menschen in einer und derselben Richtung gehen. Wenn etwas los ist, können sogar 100, 200, 300, 400, 500, 600, 700, 800, 900, 1000 Menschen in einer und derselben Richtung gehen. Das, und vieles andere, wußte Auguste. Z.B. wußte Auguste, daß sie sich auf wußte reimen mußte. Auguste zählte. Es waren tatsächlich 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen, die ausgerechnet in einer und derselben Richtung gingen. Warum ausgerechnet? Wer sollte sich erdreistet haben, diese 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen auszurechnen? Aber jemand mußte es getan haben, die Grenze ist nämlich 9. Denn bei 9 Menschen, d. h. wenn ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 Menschen in einer und derselben Richtung gehen, kann zwar etwas los sein, braucht aber nicht unbedingt etwas los zu sein. Die Zahl 10 aber überzeugt gewissermaßen restlos, d.h. wenn ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in ausgerechnet einer und derselben Richtung gehen, so muß gewissermaßen ausgerechnet etwas los sein. Aber was? Es war Auguste klar, wobei sich war auf klar reimt, daß etwas los sein mußte, wobei mußte sich wieder auf Auguste reimte. Aber wie gesagt, was? Es war ihr klar, sie würde es nie erfahren, wenn sie einen von den 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen fragte, denn jeder einzelne, also 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, jeder einzelne ist so gemein, indem gemein der einzig passende Ausdruck für so eine Gemeinheit ist, daß er seine, gewissermaßen je seine Neuigkeit exklusive für sich behält. Auguste wußte das, sie war schon in der Schule gewissermaßen eine begabte Schülerin gewesen. Und nun? Was war nun zu tun? Ein unerhörter Reim! Nun reimte sich auf zu tun. Es war Fräulein Auguste darüber hinaus noch insbesondere auffällig, daß sowohl nun sich auf zu tun, als auch zu tun sich anderseits auf nun reimte. Und inzwischen gingen die 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen gewissermaßen stetig weiter. Auguste aber blieb in Gedanken gewissermaßen wie versunken eine kurze Spanne Zeit wie angewurzelt, gewissermaßen wie ein Baum, stehen, als sie den unerhörten Reim einerseits und andrerseits zwischen nun und zu tun entdeckte. Der Reim stieß ihr auf. Wie Lebertran. Auguste schluckte. Wenn nämlich etwas los ist, dann passieren die ungereimtesten Dinge. Dann reimt sich plötzlich, was sich sonst nicht reimt. Resümieren wir! 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen gingen in einer und derselben Richtung, nun reimte sich auf zu tun. Also mußte was los sein. Wie sollte es nun Auguste erfahren? Nie, wenn sie jemand von den 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 fragte, denn jeder einzelne behielt seine Weisheit für sich. Bloß um Auguste zu ärgern. Es war eine unerhörte Frechheit, daß nicht ein anständiger Mensch von Seelenadel dabei war und kam, um Auguste alles zu verraten. Man nahm eben Auguste einfach nicht für voll. So etwas darf sich aber kein zivilisierter Mensch gefallen lassen. Was nun zu tun? Ein ganz unheimlicher Reim. Es mußte etwas getan werden, sonst konnten Auguste die unerhörtesten Dinge passieren. Sie würde wohlmöglich in Reimen ersticken. Alliteration würde hinzukommen, und wenn sie gar in eine Metrik eingeleimt würde, wäre es aus. Dann würde man sie wohlmöglich wie eine alte Jungfer behandeln, und sie war doch so ein gescheites Mädel gewesen, schon in der Schule begabt, und man würde ihr aber auch nichts mehr sagen, was gerade so interessant war, respektive wäre. Das durfte einer Frau wie Auguste nicht passieren. Hier mußte also etwas geschehen. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen gingen in akkurat einer und derselben Richtung, nun reimte sich auffällig auf zu tun, niemand verriet Auguste, was los war. Das ging Auguste wider den Strich. Einen Augenblick überlegte sie, was denn der Strich bei ihr wäre, wider den es ihr gewissermaßen ging. Dann raffte sie ihr Kleid und ihre ganze Männlichkeit zusammen und lief hinter den 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 Menschen her.
… Falls jemand am ganzen Text interessiert ist, wende er sich in Form eines Kommentars an mich.
An Anna Blume Kurt Schwitters
Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
Auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —– wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:
1. Anna Blume hat ein Vogel,
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!
Das gehört beiläufig in die —- Glutenkiste.
Anna Blume, Anna, A—-N—-N—-A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A——N——N——A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich——-liebe——-Dir!
Dada swing
Tristan Tzara – Dada into Surrealism
Dada am 5.Mai
Die Schauspielgruppe des Seminars für Studienreferendare präsentierte einen Dada-Abend, der auf eine große Resonanz bei Theater-und Dadainteressierten in Heidelberg stieß. Die Veranstaltung im Seminarraum in der Quinckestraße bot ein breites Spektrum an dadaistischen (Schlüssel-)Werken wie “karawane” von Hugo Ball oder die “Ursonate” von Kurt Schwitters, den urkomischen “Onkel Heini-Schlager”, “An Anna Blume” und “Auguste Bolte” von Kurt Schwitters.
Zeigte die Aufführung einen interessanten und amüsanten Einblick in dadaistische Kunst, so war sie doch weit davon entfernt, etwas mit Dada im Sinne seiner ureigensten Wirkungsabsicht zu tun zu haben. Dada war Protest, Berliner Dada auch hochpolitisch. Dada wollte provozieren und war bereit, selbst zum Mittel der Lüge zu greifen, um das Publikum hereinzulegen. Das hier war hochkonventionell. Wie kann das auch anders sein? Eingerahmt in Reden von Vertretern des Seminars, des Förderkreises etc., in denen die Leistungen der Darsteller und Regisseure (zurecht) gelobt wurden, die Lebendigkeit der Darstellung hervorgehoben wurde, konnte dieser Abend nichts anderes sein, als ein historischer Rückblick.
Wenn man unsere Zeit mit der Zeit vergleicht, in der der die Bewegung “Dada” entstand, so gibt es bei genauerer Betrachtung durchaus einige Parallelen. Man wusste sich nicht anders zu helfen, als die Sprache und den Sinn zu zerschlagen, weil Sprache zu häufig missbraucht wurde und das Wertesystem sich nicht als tragfähig erwies. Diese Tatsache sollte nicht analytisch aufgedeckt werden und es sollte auch keine Alternative aufgezeigt werden, man wollte die Sinnlosigkeit als solche etablieren. Natürlich war das eine Zielrichtung, die so keinen Bestand haben konnte, da aus der Negation des bestehenden Sinns notwendig eine Synthese im Sinne einer Umwertung der Werte entstehen musste. Das ist aber genau das, was heute noch Aufgabe der kritischen Kunst ist, die immer auch das Element der Provokation beinhaltet. Ich denke, dass der Dada-Abend sich selbst am besten dargestellt hat in der Umsetzung von Hugo Balls Gedicht “Seepferdchen und Flugfische”, bei der die Darsteller ein großes Aquarium umstanden und ihr Staunen und ihre Faszination angesichts imaginärer Aquariumbewohner zum Ausdruck brachten. Dieses Staunen über das Dargebotene und die Faszination, die es auslöste, war genau das, was die Zuschauer (sofern sie überhaupt etwas damit anfangen konnten) bei der Aufführung empfanden. Was sicherlich fehlte, war ein irgendwie gearteter Hinweis darauf, dass auch wir heutzutage in einer teilweise ähnlichen Situation stecken: Es gibt weit und breit keine Alternative zu dem bestehenden System und seinen Werten, diese kommen weitgehend konkurrenzlos daher und scheinen ideologisch bombenfest verankert, bei aller Problematik, die damit verbunden ist. Wenn es noch das berühmte kleine gallische Dorf gibt, dann ist das die Kunst, die die Aufgabe der Wertekritik und Setzung übernehmen muss. Und ich denke, dass hier versäumt worden ist, Dada in diesem Sinne zu nutzen. Aber wie könnte eine Negation heutiger Werte und Vorstellungen aussehen, und ist es dann noch Dada, wenn wir heutige Werte und Entwicklungen konkret kritisieren, anstatt nur die Sinnlosigkeit überhaupt zu propagieren? Am Anfang des Abends stand ein Hinweis auf Dada-Berlin. Diese Richtung war z.B. durchaus politisch explizit und beinhaltete mit der Kritik der bürgerlichen Werte auch eine politische Stoßrichtung im sozialistischen Sinne. Nun gut, der Sozialismus ist diskreditiert, aber es bleibt die Notwendigkeit der Kritik. Schade, dass uns der “Dada-Abend” keinen Ausweg aus unserer heutigen irritationsfreien Wirklichkeit geboten hat, sondern nur gehobene Unterhaltung, Irritation über das Dargebotene, Amüsement oder Ablehnung oder womöglich sogar Gleichgültigkeit. Wahrscheinlich wäre es auch zuviel verlangt, eine zeitbezogene Gesellschaftskritik mit Dada zu verbinden. Mir hat die Veranstaltung jedenfalls auch so gefallen und sie hat auch etwas ausgelöst. Bei anderen sicher auch. Denke ich. Danke Pia, für diesen Abend.
Dada
Dada (der Begriff Dadaismus wird hier bewusst vermieden)
Dada ist eine Reaktion auf das Gemetzel des ersten Weltkriegs.
Hugo Ball, der 1916 in der Züricher Spiegelgasse wohnte (vis – à – vis von Lenins Exil-Wohnung) rief mit dem „Cabaret Voltaire“ die Keimzelle der Bewegung ins Leben.
„Die Weltgeschichte bricht in zwei Teile. Es gibt eine Zeit vor mir und eine Zeit nach mir. Eine tausendjährige Kultur bricht zusammen. Umwertung aller Werte fand statt. Der Sinn der Welt verschwand. Chaos brach hervor. Der Mensch verlor sein Gesicht, wurde Material, Zufall, Konglomerat, Tier, Wahnsinnsprodukt abrupt und unzulänglich zuckender Gedanken.“ (Hugo Ball: Kandinsky, S. 682)
Für eine solche Welt lehnten die Künstler des Dada jede Verantwortung ab. Sie lehnten den Krieg als Fortsetzung imperialistischer Politik ab und sahen die Entwicklung moderner Waffensysteme als eine perverse Parodie auf den technischen Fortschritt, dem sie somit kritisch gegenüberstanden.
Eine Welt, in der der Mensch im Namen von Aufklärung und Wissenschaft Kräfte entfesselte, die zerstörerisch auf ihn selbst zurückwirkten, verabscheuten sie zutiefst.
Tristan Tzara bezeichnete den „Ekel“ als wesentliches Motiv der Bewegung.
Dada verstand sich als Fundamentalopposition gegen alles, somit als Anti-Kunst.
„Die Kunst ist tot. Es lebe Dada!“
Für das beste Buch hielten sie das „unterlassene Buch“.
Die Kunst ins Leben zu überführen setzten sie sich als Ziel. „Der neue Künstler malt nicht mehr, sondern schafft direkt!“ (Tristan Tzara)
Die Aktion verdrängt das Werk; die Künstler treten in direkte Kommunikation mit dem Publikum, attackieren es und stellen sich leibhaftig ihrer Kritik.
„Dada (…) bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen.“ (Richard Huelsenbeck: Dada S. 33)
Diese Ideologie wurde im Cabaret Voltaire als „Narrenspiel“ auf der Bühne präsentiert. Alles was dort geschah sollte zum Ausdruck bringen, dass das Zeitgeschehen ihnen keinen Respekt abnötigte. Die „große Trommel“ sollte die Kanonen übertönen.
In den Lautgedichten kommt der Zweifel der Dadaisten an der Möglichkeit zum Ausdruck, mit Worten Sinn zu vermitteln. Sie weigerten sich, „aus zweiter Hand“ zu dichten, Wörter zu übernehmen, die man nicht „funkelnagelneu“ für den eigenen Zweck erfunden hat.
(z.B. „Karawane“ von Hugo Ball)
Simultangedichte wurden, oft zu einer Geräuschkulisse, von mehreren Sprechern gleichzeitig präsentiert.
Dada bediente sich auch des theatralen Elements der Bewegung, der Masken, der grotesken Kostümierung. Ein „an Irrsinn streifender Gestus“ war gewünscht.
Nach dem Krieg löste sich Dada in Zürich auf und verlagerte sich nach Berlin, wo die Bewegung in der revolutionären Situation der Nachkriegszeit einen politischen Charakter annahm. Die provokative Absicht trat noch stärker hervor.
So störte Johannes Baader den Weihnachtsgottesdienst im Berliner Dom mit dem Zwischenruf: „Ich frage Sie, was ist ihnen Jesus Christus?“ und gab sich selbst die Antwort: „Er ist ihnen Wurst!“, worauf er wegen Gotteslästerung verhaftet wurde.
Durch Aktionen dieser Art wollte man die pharisäerhafte Moral der bürgerlichen Gesellschaft entlarven.
In der Überzeugung, dass die bestehenden Formen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft dem „Ansturm der Arbeiterklasse“ nicht standhalten würde, wollte man einen Beitrag zu deren Untergang leisten.
Dada Berlin wurde in der Literatur vor allem vertreten durch Richard Huelsenbeck, Raoul Hausmann, Franz Jung und Walter Mehring und in der bildenden Kunst durch George Grosz und John Heartfield.
Kurt Schwitters versuchte durch die Technik der Collage den Zusammenhang der Kunst mit der zeitgenössischen Wirklichkeit herzustellen.
Die MERZ-Bühne (MERZ= Kunstwort, da Schwitter jeden Anklang an einen Ismus (= Dadaismus) vermeiden wollte) war eine Collage aus den verschiedensten Materialien und Objekten, Vorgängen und Sachverhalten (visuelle Elemente und akustische Elemente).
Grundsatz: Disharmonie
Dadaistische Dramen und regelrechte Aufführungen hat nur die Pariser Dadagruppe hervorgebracht:
André Breton, Louis Aragon, Philippe Soupault, Georges Ribenmont-Dessaignes, Marcel Dechamp und Francis Picabia. Die Aufführungen versanken meist im Chaos, an dem das Publikum einen regen Anteil hatte. Die Provokation stand auch hier im Mittelpunkt, so lockten sie Zuschauer in die Aufführung mit der Ankündigung, Charlie Chaplin würde auftreten, was natürlich nicht der Fall war. Der Skandal war das Ziel.
Natürlich verbrauchte sich diese Form sehr schnell, der inszenierte Skandal hatte bald keine Wirkung mehr.
Die Surrealisten verharrten dann nicht mehr in der Negation, sondern setzten mit dem Unbewußten einen neuen, positiven Wert.
Die Kunst wurde von ihnen als freier Ausdruck irrationaler Kräfte definiert. Sie sollte zur Umwälzung aller Lebensverhältnisse eingesetzt werden.
dadaistisches manifest – Richard Huelsenbeck
Die Kunst ist in ihrer Ausführung und Richtung von der Zeit
abhängig, in der sie lebt, und die Künstler sind Kreaturen ihrer Epoche. Die
höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren, Bewußtseinsinhalten die
tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von
den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder immer wieder
unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht. Die besten und unerhörtesten
Künstler werden diejenigen sein, die stündlich die Fetzen ihrer Leibes aus dem
Wirrsal der Lebenskatarakte zusammenreißen, verbissen in den Intellekt der
Zeit, blutend an Händen und Herzen.
Hat der Expressionismus unsere Erwartungen auf eine solche Kunst Kunst erfüllt,
die eine Ballotage unserer vitalsten Angelegenheiten ist?
Nein! Nein! Nein!
Haben die Expressionisten unsere Erwartungen auf eine Kunst erfüllt, die uns
die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt?
Nein! Nein! Nein!
Unter dem Vorwand der Verinnerlichung haben sich die Expressionisten in der
Literatur und in der Malerei zu einer Generation zusammengeschlosses, die heute
schon sehnsüchtig ihre literatur- und kunsthistorische Würdigung erwartet und
für eine ehrenvolle Bürger-Anerkennung kandidiert. Unter dem Vorwand, die Seele
zu propagieren, haben sie sich im Kampfe gegen den Naturalismus zu den
abstrakt-pathetischen Gesten zurückgefunden, die ein inhaltloses, bequemes und
unbewegtes Leben zur Voraussetzung haben. Die Bühnen füllen sich mit Königen
Dichtern und faustischen Naturen jeder Art, die Theorie einer Melioristischen
Weltauffassung, deren kindliche, psychologisch-naivste Manier für eine
kritische Ergänzung des Expressionismus signifikant bleiben muß, durchgeistert
die tatenlosen Köpfe. Der Haß gegen die Presse, der Haß gegen die Reklame, der
Haß gegen die Sensation spricht für Menschen, denen ihr Sessel wichtiger ist
als der Lärm der Straße und die sich einen Vorzug daraus machen, von jedem
Winkelschieber übertölpelt zu werden. Jener sentimentale Widerstand gegen die
Zeit, die nicht besser und nicht schlechter, nicht reaktionärer und nicht
revolutionärer als alle anderen Zeiten ist, jene matte Opposition, die nach
Gebeten und Weihrauch schielt, wenn sie es nicht vorzieht, aus attischen Jamben
ihre Pappgeschosse zu machen – sie sind Eigenschaften einer Jugend, die es
niemals verstanden hat, jung zu sein. Der Expressionismus, der im Ausland
gefunden, in Deutschland nach beliebter Manier eine fette Idylle und Erwartung
guter Pension geworden ist, hat mit dem Streben tätiger Menschen nichts mehr zu
tun. Der Unterzeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf
DADA!!!!
zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer
Ideale erwarten. Was ist nun der DADAISMUS?
Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden
Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das
Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen
Rhythmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen
Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten
brutalen Realität übernommen wird. Hier ist der scharf markierte Scheideweg,
der den Dadaismus von allen bisherigen Kunstrichtungen und vor allem von dem
FUTURISMUS trennt, den kürzlich Schwachköpfe als eine neue Auflage
impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben. Der Dadaismus steht zum
erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte
von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind,
in seine Bestandteile zerfetzt.
Das BRUITISTISCHE
Gedicht
schildert eine Trambahn, wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen
des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen.
Das SIMULTANISTISCHE
Gedicht
lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest,
fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller
des Schlächters Nuttke.
Das STATISCHE Gedicht
macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald tritt der Wald mit
seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen, vielleicht tritt auch eine
Pension heraus, vielleicht Bellevue oder Bella vista. Der Dadaismus führt zu
unerhörten neuen Möglichkeiten und Ausdrucksformen aller Künste. Er hat den
Kubismus zum Tanz auf der Bühne gemacht, er hat die BRUITISTISCHE Musik der
Futuristen (deren rein italienische Angelegenheit er nicht verallgemeinen will)
in allen Ländern Europas propagiert. Das Wort Dada weist zugleich auf die
Internationalität der Bewegung, die an keine Grenzen, Religionen oder Berufe
gebunden ist. Dada ist der internationale Ausdruck dieser Zeit, die große
Fronde der Kunstbewegungen, der künstlerische Reflex aller dieser Offensiven,
Friedenskongresse, Balgereien am Gemüsemarkt, Soupers im Esplanade etc. etc.
Dada will die Benutzung des
neuen Materials in
der Malerei.
Dada is ein CLUB, der in Berlin gegründet worden ist, in den man eintreten
kann, ohne Verbindlichkeiten zu übernehmen. Hier ist jeder Vorsitzender, und
jeder kann sein Wort abgeben, wo es sich um künstlerische Dinge handelt. Dada
ist nicht ein Vorwand für den ehrgeiz einiger Literaten (wie unsere Feinde
glauben machen möchten), Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch
offenbaren kann, so daß man sagen muß: Dieser ist ein DADAIST – jener nicht;
der Club Dada hat deshalb Mitglieder in allen Teilen der Erde, in Honolulu so
gut wie in New Orleans und Meseritz. Dadaist sein kann unter Umständen heißen,
mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein – nur zufällig Künstler sein -
Dadaist sein heißt, sich von den Dingen werfen lassen, gegen jede
Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in
Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche).
Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch
Verneinung höher will. Jasagen – Neinsagen: das gewaltige Hokuspokus des
Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten – so liegt er, so jagt er,
so radelt er – halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht. Gegen die
ästhetisch-ethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des
Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe!
Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen in der Welt.
Gegen dies Manifest sein heißt Dadaist sein!
Tristan Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Janco. Richard Huelsenbeck.
Gerhard Preiß. Raoul Hausmann.
O. Lüthe. Frédéric Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot. Maria d’Arezzo. Gino Cantarelli. Prampolini. R. van
Rees. Madame van Rees. Hans Arp. G. Thäuber. Andrée Morosini. François
Mombello-Pasquati.
Dada
Die Veranstaltung am Freitag soll nochmal ganz im Zeichen des Dada stehen. Wir machen eine Performance, bei der möglichst viele verschiedene gestalterische Elemente eingesetzt werden sollen. Wenn wir eine Textgrundlage brauchen, dann sollten wir auf die Dadatexte, die unten in diesem Blog stehen, zurückgreifen.
Außerdem gibt es im Blog http://lyrics.blogg.de noch Texte aus dem Bereich der konkreten Poesie (in der Kategorie “Gedichte”.
Falls ihr Lieblings-Musikinstrumente oder Lieblings-Lärminstrumente habt, dann brauchen wir die am Freitag unbedingt. Außerdem könnt ihr euch schon mal Gedanken machen zu den Darstellungsformen, also:
Monolog, Dialog, Chor, mit oder oder Musik/Geräusche, Bühnenaufteilung, Status, Kostüme, Requisiten, Genre (Komödie, Valentinade, Tragödie, Kriminalspiel etc.), Ausdruck (wütend, säuselnd, fröhlich, traurig, etc.)
Es wäre toll, wenn ihr schon ein paar Ideen mitbringen würdet.
Falls ihr digitale Kameras habt, bringt sie mit! Falls ihr digitale Filmkameras habt, bringt sie mit!