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Archiv für November 1st, 2011

Hajo Kurzenberger: Der kollektive Prozess des Theaters (kurzer Auszug)

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THEATER ALS „BIOTOP“

Halten  Theatermacher  Rückschau,  ziehen  sie  die  Summe  ihrer Theaterarbeit, wollen sie das Zentrum ihres Tuns und des Thea- ters erfassen,  reden sie  meist nicht über einzelne  Aufführungen, Regisseure oder Schauspieler.  Sie versuchen die treibenden Kräf- te, den kollektiven  Prozess  des Theaters  zu  bestimmen.  So hat zum Beispiel der scheidende  Intendant  Wilfried Schulz im Resü- meeband „schauspielhannover  2000 – 2009“ seinen Beitrag unter den Titel „Die Entscheider“  gestellt, in dem er behauptet und be- legt, dass  es  im  intendantenverantworteten  Staatstheater  nicht nur einen Entscheider gibt, sondern sehr, sehr viele, ohne deren unterschiedliche  Kompetenzen und Entscheidungsfähigkeiten das„Kunstprodukt“ Aufführung nicht seine besondere  Gestalt  ge- wönne.  Es  gehe  nicht  darum,  wer  im  Theater  die  strukturelle Macht  innehabe,  ebenso  wenig,  wer  bei  einer  Theaterentschei-  dung Recht habe. „Es“ müsse „sich fügen, das eine zum anderen kommen“.  „Theater  ist ein Biotop, in dem jedes  eine  nachhaltig von jedem  anderen  abhängt“.  Es  ist  nach  Schulz’  Feststellung aber auch ein  „kompliziertes Konstrukt,  geprägt  von vielen Ent- scheidungen und Entscheidern“.

Hier tut sich ein erster, scheinbarer Widerspruch auf: Theater entsteht und Theater wird gemacht. Die Wissenschaft spricht von der Emergenz und der Intentionalität,  die den Theaterprozess  ge- meinsam  hervorbringen.   Dass  dieser  aus  dem  Zusammenspiel vieler Kräfte und vieler Willen entsteht, ist allerdings nicht das vor allem Ausschlaggebende: „Die Qualität des Kunstprodukts, sprich des  Theaterabends,  bestimmt  sich  aus  der  Kreativität  und  der Identifikation vieler“1.  Entscheidend ist die gelungene Einlassung, die gemeinsame  kreative  Beteiligung  an  der sozialen  Kunstform Theater. Der kollektive Prozess des Theaters ist kein Wert an sich. Es geht um sein Gelingen in sozialer und ästhetischer Hinsicht.

Ein  anderer  Intendant,  der  ebenfalls  zurückschauen  kann, nämlich auf zehn erfolgreiche  Jahre Burgtheater,  Klaus Bachler, gebraucht  für  den Theaterprozess dieselbe Metapher wie sein hannoveranischer  Kollege,  nämlich die vom Biotop.  Aber wo der eine eher zur Verklärung neigt, verfällt der andere in tiefe Depres- sion:  „Nirgends  wird  im  Namen  der  Kunst  soviel  Machtmiss- brauch  betrieben  wie am deutschsprachigen  Theater.“  Darunter habe  er „in diesen  zehn Jahren  sehr  gelitten“,  „denn  das kann man  als Theaterleiter  nur  teilweise  kompensieren,  weil  man  im Prozess ja nicht drinnen ist“. Theater, so Bachler, ist nur ein po- tentieller Freiraum der Kunst, in Wahrheit aber kein machtfreier Raum.  Und der Kapitän  des  größten  Flaggschiffes  des deutsch- sprachigen  Theaters  sieht  sich am Theaterprozess  nur  teilweise beteiligt.  Er  unterscheidet  offenbar  zwischen  seinen  Organisa- tions-, Leitungs-  und  Konzeptionsanteilen  und dem eigentlichen künstlerischen  Prozess,  den Proben  für eine  Aufführung.  Dieser Phase  des  Theatermachens  stellt  er  ein  vernichtendes  Zeugnis aus: „Es [das Theater, Anm. d. V.] ist im Sozialen gescheitert, weil es ein Biotop  sein könnte  und müsste,  wo der  gesellschaftliche Entwurf, der nicht lebbar ist, möglich sein müsste.“ Der „bessere Staat“ „im Staat“, also das Theater, bleibe Utopie.2

Geschrieben von ottoessig

November 1, 2011 um 10:07 nachmittags

Veröffentlicht in Theatertheorie

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