Archiv für Mai 2008
Thema: Beziehung (Liebe, Hass, Macht, Ohnmacht…)
Ich schlage vor, dass wir uns nach der Dada-Einheit mit Texten aus dem lyrischen, epischen und dramatischen Bereich befassen, in denen emotionale Beziehungen zwischen Menschen thematisiert werden.
Für einen späteren Zeitpunkt halte ich auch die manipulative Funktion von Sprache für ein interessantes Thema. Auf eine komplexe Art und Weise hat das ja auch mit Emotionen zu tun. (Siehe z.B. “Katz und Maus” etc.)
Auguste Bolte Kurt Schwitters
Auguste Bolte (2) sah etwa 10 Menschen auf der Straße, die in einer und derselben Richtung geradeaus vorwärts gingen. Das kam Auguste Bolte verdächtig, ja sogar sehr verdächtig vor. 10 Menschen gingen in einer und derselben Richtung. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Da mußte etwas los sein. Denn sonst würden nicht ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in genau einer und derselben Richtung gehen. Wenn nämlich nichts los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen nicht in der ausgerechnet selben Richtung, sondern dann gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 verschiedenen Richtungen. Das ist einmal sicher, und Fräulein Auguste Bolte war immer ein gescheites Mädchen gewesen, schon in der Schule. Wenn aber was los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in der Regel in einer und derselben Richtung, und nicht in 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 verschiedenen Richtungen. Wenn etwas los ist, können auch 10, 20, 30, 40, 50, 60, 70, 80, 90, 100 Menschen in einer und derselben Richtung gehen. Wenn etwas los ist, können sogar 100, 200, 300, 400, 500, 600, 700, 800, 900, 1000 Menschen in einer und derselben Richtung gehen. Das, und vieles andere, wußte Auguste. Z.B. wußte Auguste, daß sie sich auf wußte reimen mußte. Auguste zählte. Es waren tatsächlich 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen, die ausgerechnet in einer und derselben Richtung gingen. Warum ausgerechnet? Wer sollte sich erdreistet haben, diese 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen auszurechnen? Aber jemand mußte es getan haben, die Grenze ist nämlich 9. Denn bei 9 Menschen, d. h. wenn ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 Menschen in einer und derselben Richtung gehen, kann zwar etwas los sein, braucht aber nicht unbedingt etwas los zu sein. Die Zahl 10 aber überzeugt gewissermaßen restlos, d.h. wenn ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in ausgerechnet einer und derselben Richtung gehen, so muß gewissermaßen ausgerechnet etwas los sein. Aber was? Es war Auguste klar, wobei sich war auf klar reimt, daß etwas los sein mußte, wobei mußte sich wieder auf Auguste reimte. Aber wie gesagt, was? Es war ihr klar, sie würde es nie erfahren, wenn sie einen von den 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen fragte, denn jeder einzelne, also 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, jeder einzelne ist so gemein, indem gemein der einzig passende Ausdruck für so eine Gemeinheit ist, daß er seine, gewissermaßen je seine Neuigkeit exklusive für sich behält. Auguste wußte das, sie war schon in der Schule gewissermaßen eine begabte Schülerin gewesen. Und nun? Was war nun zu tun? Ein unerhörter Reim! Nun reimte sich auf zu tun. Es war Fräulein Auguste darüber hinaus noch insbesondere auffällig, daß sowohl nun sich auf zu tun, als auch zu tun sich anderseits auf nun reimte. Und inzwischen gingen die 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen gewissermaßen stetig weiter. Auguste aber blieb in Gedanken gewissermaßen wie versunken eine kurze Spanne Zeit wie angewurzelt, gewissermaßen wie ein Baum, stehen, als sie den unerhörten Reim einerseits und andrerseits zwischen nun und zu tun entdeckte. Der Reim stieß ihr auf. Wie Lebertran. Auguste schluckte. Wenn nämlich etwas los ist, dann passieren die ungereimtesten Dinge. Dann reimt sich plötzlich, was sich sonst nicht reimt. Resümieren wir! 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen gingen in einer und derselben Richtung, nun reimte sich auf zu tun. Also mußte was los sein. Wie sollte es nun Auguste erfahren? Nie, wenn sie jemand von den 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 fragte, denn jeder einzelne behielt seine Weisheit für sich. Bloß um Auguste zu ärgern. Es war eine unerhörte Frechheit, daß nicht ein anständiger Mensch von Seelenadel dabei war und kam, um Auguste alles zu verraten. Man nahm eben Auguste einfach nicht für voll. So etwas darf sich aber kein zivilisierter Mensch gefallen lassen. Was nun zu tun? Ein ganz unheimlicher Reim. Es mußte etwas getan werden, sonst konnten Auguste die unerhörtesten Dinge passieren. Sie würde wohlmöglich in Reimen ersticken. Alliteration würde hinzukommen, und wenn sie gar in eine Metrik eingeleimt würde, wäre es aus. Dann würde man sie wohlmöglich wie eine alte Jungfer behandeln, und sie war doch so ein gescheites Mädel gewesen, schon in der Schule begabt, und man würde ihr aber auch nichts mehr sagen, was gerade so interessant war, respektive wäre. Das durfte einer Frau wie Auguste nicht passieren. Hier mußte also etwas geschehen. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen gingen in akkurat einer und derselben Richtung, nun reimte sich auffällig auf zu tun, niemand verriet Auguste, was los war. Das ging Auguste wider den Strich. Einen Augenblick überlegte sie, was denn der Strich bei ihr wäre, wider den es ihr gewissermaßen ging. Dann raffte sie ihr Kleid und ihre ganze Männlichkeit zusammen und lief hinter den 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 Menschen her.
… Falls jemand am ganzen Text interessiert ist, wende er sich in Form eines Kommentars an mich.
An Anna Blume Kurt Schwitters
Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
Auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —– wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:
1. Anna Blume hat ein Vogel,
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!
Das gehört beiläufig in die —- Glutenkiste.
Anna Blume, Anna, A—-N—-N—-A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A——N——N——A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich——-liebe——-Dir!
Portfolio
Portfolio-Arbeit bedeutet, Lernen als Prozess zu verstehen. Diese Arbeitsform ist daher bestens geeignet, unserer handlungsorientierten und projektorientierten Arbeitsweise gerecht zu werden.
In diesem Zusammenhang gehören auch Arbeitsentwürfe ins Portfolio, ebenso wie individuelle Bewertungen, die damit eine kommunikative Funktion erhalten.
(Siehe z.B. auch meine Rezension des Dada-Abends, die nur deshalb keine kommunikative Funktion hat, weil meine Ansprechpartner in Scharen davonlaufen oder vor StudiVZ oder „Germany’s Next Top Model“ festsitzen.)
Der Lernprozess hat den gleichen Stellenwert wie das Lernprodukt.
Bisher wurden Arbeitsblätter einfach abgeheftet oder blieben im Theaterraum liegen. Das ist falsch! Die Arbeitsblätter und andere Materialien müssen bearbeitet werden, sie sind Gegenstand einer kritischen Bewertung.
Wenn wir Szenen bearbeitet haben, die dann zur Aufführung kommen, müssen dazu z.B. kritische Kommentare geschrieben werden, man kann natürlich auch Alternativkonzepte entwickeln. Eine „Hausaufgabenkontrolle“ erfolgt nicht. Am Ende eines Halbjahres kann dafür die weiter unten erwähnte Leistungsbewertung erfolgen.
Die Portfolioarbeit hat den positiven Nebeneffekt, dass jeder seine Arbeit auch selbst bestimmen und die Verantwortung dafür übernehmen kann. (Kleinliche Handlungen wie: Schüler: „Ich habe meine Hausaufgaben vergessen“
Lehrer: „Das ist schon das dritte Mal. Jetzt kannst du dir eine gute Note abschminken“)
entfallen.
Natürlich kann das Portfolio auch zur Leistungsbewertung dienen. Die Bewertung des Portfolios setzt aber immer ein Kolloquium voraus.
Auch zwischendurch sollten ständig Gespräche über den Lernprozess und die Entwicklung des Portfolios geführt werden.
Ins Portfolio gehört z.B. auch unser „Sommernachtstraum-Projekt“ einschließlich der geheimen Fotos von Diana.
In diesen Zusammenhang gehören auch die Hausarbeiten, die ihr letztes Halbjahr zur Leistungsbewertung geschrieben habt.
Kriterien für die Beurteilung (damit gleichzeitig Auswahl- und Gestaltungskriterien für euch) könnten sein:
- Wurden die Materialien zu Ergebnissen und Lernprozessen gezielt gesammelt?
- Sind die Portfoliomaterialien überarbeitet bzw. reflektiert?
- Ist das Portfolio als Ganzes und in seinen Teilen strukturiert und individuell gestaltet?
Übrigens sind auch sogenannte e-Portfolios möglich. Sie bieten andere, aber für unsere Zwecke auch interessante Möglichkeiten. Ich hänge euch einen Link zu solchen Portfolios an:
http://www.e-teaching.org/didaktik/kommunikation/portfolio/#pagetop
Übrigens gehört natürlich auch ein mögliches Spielkonzept zu Sphinx und Strohmann, das ihr ja bis nach den Ferien erarbeitet, ins Portfolio.
Dada swing
Tristan Tzara – Dada into Surrealism
Dada am 5.Mai
Die Schauspielgruppe des Seminars für Studienreferendare präsentierte einen Dada-Abend, der auf eine große Resonanz bei Theater-und Dadainteressierten in Heidelberg stieß. Die Veranstaltung im Seminarraum in der Quinckestraße bot ein breites Spektrum an dadaistischen (Schlüssel-)Werken wie “karawane” von Hugo Ball oder die “Ursonate” von Kurt Schwitters, den urkomischen “Onkel Heini-Schlager”, “An Anna Blume” und “Auguste Bolte” von Kurt Schwitters.
Zeigte die Aufführung einen interessanten und amüsanten Einblick in dadaistische Kunst, so war sie doch weit davon entfernt, etwas mit Dada im Sinne seiner ureigensten Wirkungsabsicht zu tun zu haben. Dada war Protest, Berliner Dada auch hochpolitisch. Dada wollte provozieren und war bereit, selbst zum Mittel der Lüge zu greifen, um das Publikum hereinzulegen. Das hier war hochkonventionell. Wie kann das auch anders sein? Eingerahmt in Reden von Vertretern des Seminars, des Förderkreises etc., in denen die Leistungen der Darsteller und Regisseure (zurecht) gelobt wurden, die Lebendigkeit der Darstellung hervorgehoben wurde, konnte dieser Abend nichts anderes sein, als ein historischer Rückblick.
Wenn man unsere Zeit mit der Zeit vergleicht, in der der die Bewegung “Dada” entstand, so gibt es bei genauerer Betrachtung durchaus einige Parallelen. Man wusste sich nicht anders zu helfen, als die Sprache und den Sinn zu zerschlagen, weil Sprache zu häufig missbraucht wurde und das Wertesystem sich nicht als tragfähig erwies. Diese Tatsache sollte nicht analytisch aufgedeckt werden und es sollte auch keine Alternative aufgezeigt werden, man wollte die Sinnlosigkeit als solche etablieren. Natürlich war das eine Zielrichtung, die so keinen Bestand haben konnte, da aus der Negation des bestehenden Sinns notwendig eine Synthese im Sinne einer Umwertung der Werte entstehen musste. Das ist aber genau das, was heute noch Aufgabe der kritischen Kunst ist, die immer auch das Element der Provokation beinhaltet. Ich denke, dass der Dada-Abend sich selbst am besten dargestellt hat in der Umsetzung von Hugo Balls Gedicht “Seepferdchen und Flugfische”, bei der die Darsteller ein großes Aquarium umstanden und ihr Staunen und ihre Faszination angesichts imaginärer Aquariumbewohner zum Ausdruck brachten. Dieses Staunen über das Dargebotene und die Faszination, die es auslöste, war genau das, was die Zuschauer (sofern sie überhaupt etwas damit anfangen konnten) bei der Aufführung empfanden. Was sicherlich fehlte, war ein irgendwie gearteter Hinweis darauf, dass auch wir heutzutage in einer teilweise ähnlichen Situation stecken: Es gibt weit und breit keine Alternative zu dem bestehenden System und seinen Werten, diese kommen weitgehend konkurrenzlos daher und scheinen ideologisch bombenfest verankert, bei aller Problematik, die damit verbunden ist. Wenn es noch das berühmte kleine gallische Dorf gibt, dann ist das die Kunst, die die Aufgabe der Wertekritik und Setzung übernehmen muss. Und ich denke, dass hier versäumt worden ist, Dada in diesem Sinne zu nutzen. Aber wie könnte eine Negation heutiger Werte und Vorstellungen aussehen, und ist es dann noch Dada, wenn wir heutige Werte und Entwicklungen konkret kritisieren, anstatt nur die Sinnlosigkeit überhaupt zu propagieren? Am Anfang des Abends stand ein Hinweis auf Dada-Berlin. Diese Richtung war z.B. durchaus politisch explizit und beinhaltete mit der Kritik der bürgerlichen Werte auch eine politische Stoßrichtung im sozialistischen Sinne. Nun gut, der Sozialismus ist diskreditiert, aber es bleibt die Notwendigkeit der Kritik. Schade, dass uns der “Dada-Abend” keinen Ausweg aus unserer heutigen irritationsfreien Wirklichkeit geboten hat, sondern nur gehobene Unterhaltung, Irritation über das Dargebotene, Amüsement oder Ablehnung oder womöglich sogar Gleichgültigkeit. Wahrscheinlich wäre es auch zuviel verlangt, eine zeitbezogene Gesellschaftskritik mit Dada zu verbinden. Mir hat die Veranstaltung jedenfalls auch so gefallen und sie hat auch etwas ausgelöst. Bei anderen sicher auch. Denke ich. Danke Pia, für diesen Abend.
Dada
Dada (der Begriff Dadaismus wird hier bewusst vermieden)
Dada ist eine Reaktion auf das Gemetzel des ersten Weltkriegs.
Hugo Ball, der 1916 in der Züricher Spiegelgasse wohnte (vis – à – vis von Lenins Exil-Wohnung) rief mit dem „Cabaret Voltaire“ die Keimzelle der Bewegung ins Leben.
„Die Weltgeschichte bricht in zwei Teile. Es gibt eine Zeit vor mir und eine Zeit nach mir. Eine tausendjährige Kultur bricht zusammen. Umwertung aller Werte fand statt. Der Sinn der Welt verschwand. Chaos brach hervor. Der Mensch verlor sein Gesicht, wurde Material, Zufall, Konglomerat, Tier, Wahnsinnsprodukt abrupt und unzulänglich zuckender Gedanken.“ (Hugo Ball: Kandinsky, S. 682)
Für eine solche Welt lehnten die Künstler des Dada jede Verantwortung ab. Sie lehnten den Krieg als Fortsetzung imperialistischer Politik ab und sahen die Entwicklung moderner Waffensysteme als eine perverse Parodie auf den technischen Fortschritt, dem sie somit kritisch gegenüberstanden.
Eine Welt, in der der Mensch im Namen von Aufklärung und Wissenschaft Kräfte entfesselte, die zerstörerisch auf ihn selbst zurückwirkten, verabscheuten sie zutiefst.
Tristan Tzara bezeichnete den „Ekel“ als wesentliches Motiv der Bewegung.
Dada verstand sich als Fundamentalopposition gegen alles, somit als Anti-Kunst.
„Die Kunst ist tot. Es lebe Dada!“
Für das beste Buch hielten sie das „unterlassene Buch“.
Die Kunst ins Leben zu überführen setzten sie sich als Ziel. „Der neue Künstler malt nicht mehr, sondern schafft direkt!“ (Tristan Tzara)
Die Aktion verdrängt das Werk; die Künstler treten in direkte Kommunikation mit dem Publikum, attackieren es und stellen sich leibhaftig ihrer Kritik.
„Dada (…) bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen.“ (Richard Huelsenbeck: Dada S. 33)
Diese Ideologie wurde im Cabaret Voltaire als „Narrenspiel“ auf der Bühne präsentiert. Alles was dort geschah sollte zum Ausdruck bringen, dass das Zeitgeschehen ihnen keinen Respekt abnötigte. Die „große Trommel“ sollte die Kanonen übertönen.
In den Lautgedichten kommt der Zweifel der Dadaisten an der Möglichkeit zum Ausdruck, mit Worten Sinn zu vermitteln. Sie weigerten sich, „aus zweiter Hand“ zu dichten, Wörter zu übernehmen, die man nicht „funkelnagelneu“ für den eigenen Zweck erfunden hat.
(z.B. „Karawane“ von Hugo Ball)
Simultangedichte wurden, oft zu einer Geräuschkulisse, von mehreren Sprechern gleichzeitig präsentiert.
Dada bediente sich auch des theatralen Elements der Bewegung, der Masken, der grotesken Kostümierung. Ein „an Irrsinn streifender Gestus“ war gewünscht.
Nach dem Krieg löste sich Dada in Zürich auf und verlagerte sich nach Berlin, wo die Bewegung in der revolutionären Situation der Nachkriegszeit einen politischen Charakter annahm. Die provokative Absicht trat noch stärker hervor.
So störte Johannes Baader den Weihnachtsgottesdienst im Berliner Dom mit dem Zwischenruf: „Ich frage Sie, was ist ihnen Jesus Christus?“ und gab sich selbst die Antwort: „Er ist ihnen Wurst!“, worauf er wegen Gotteslästerung verhaftet wurde.
Durch Aktionen dieser Art wollte man die pharisäerhafte Moral der bürgerlichen Gesellschaft entlarven.
In der Überzeugung, dass die bestehenden Formen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft dem „Ansturm der Arbeiterklasse“ nicht standhalten würde, wollte man einen Beitrag zu deren Untergang leisten.
Dada Berlin wurde in der Literatur vor allem vertreten durch Richard Huelsenbeck, Raoul Hausmann, Franz Jung und Walter Mehring und in der bildenden Kunst durch George Grosz und John Heartfield.
Kurt Schwitters versuchte durch die Technik der Collage den Zusammenhang der Kunst mit der zeitgenössischen Wirklichkeit herzustellen.
Die MERZ-Bühne (MERZ= Kunstwort, da Schwitter jeden Anklang an einen Ismus (= Dadaismus) vermeiden wollte) war eine Collage aus den verschiedensten Materialien und Objekten, Vorgängen und Sachverhalten (visuelle Elemente und akustische Elemente).
Grundsatz: Disharmonie
Dadaistische Dramen und regelrechte Aufführungen hat nur die Pariser Dadagruppe hervorgebracht:
André Breton, Louis Aragon, Philippe Soupault, Georges Ribenmont-Dessaignes, Marcel Dechamp und Francis Picabia. Die Aufführungen versanken meist im Chaos, an dem das Publikum einen regen Anteil hatte. Die Provokation stand auch hier im Mittelpunkt, so lockten sie Zuschauer in die Aufführung mit der Ankündigung, Charlie Chaplin würde auftreten, was natürlich nicht der Fall war. Der Skandal war das Ziel.
Natürlich verbrauchte sich diese Form sehr schnell, der inszenierte Skandal hatte bald keine Wirkung mehr.
Die Surrealisten verharrten dann nicht mehr in der Negation, sondern setzten mit dem Unbewußten einen neuen, positiven Wert.
Die Kunst wurde von ihnen als freier Ausdruck irrationaler Kräfte definiert. Sie sollte zur Umwälzung aller Lebensverhältnisse eingesetzt werden.



