Archiv für April 2008
dadaistisches manifest – Richard Huelsenbeck
Die Kunst ist in ihrer Ausführung und Richtung von der Zeit
abhängig, in der sie lebt, und die Künstler sind Kreaturen ihrer Epoche. Die
höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren, Bewußtseinsinhalten die
tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von
den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder immer wieder
unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht. Die besten und unerhörtesten
Künstler werden diejenigen sein, die stündlich die Fetzen ihrer Leibes aus dem
Wirrsal der Lebenskatarakte zusammenreißen, verbissen in den Intellekt der
Zeit, blutend an Händen und Herzen.
Hat der Expressionismus unsere Erwartungen auf eine solche Kunst Kunst erfüllt,
die eine Ballotage unserer vitalsten Angelegenheiten ist?
Nein! Nein! Nein!
Haben die Expressionisten unsere Erwartungen auf eine Kunst erfüllt, die uns
die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt?
Nein! Nein! Nein!
Unter dem Vorwand der Verinnerlichung haben sich die Expressionisten in der
Literatur und in der Malerei zu einer Generation zusammengeschlosses, die heute
schon sehnsüchtig ihre literatur- und kunsthistorische Würdigung erwartet und
für eine ehrenvolle Bürger-Anerkennung kandidiert. Unter dem Vorwand, die Seele
zu propagieren, haben sie sich im Kampfe gegen den Naturalismus zu den
abstrakt-pathetischen Gesten zurückgefunden, die ein inhaltloses, bequemes und
unbewegtes Leben zur Voraussetzung haben. Die Bühnen füllen sich mit Königen
Dichtern und faustischen Naturen jeder Art, die Theorie einer Melioristischen
Weltauffassung, deren kindliche, psychologisch-naivste Manier für eine
kritische Ergänzung des Expressionismus signifikant bleiben muß, durchgeistert
die tatenlosen Köpfe. Der Haß gegen die Presse, der Haß gegen die Reklame, der
Haß gegen die Sensation spricht für Menschen, denen ihr Sessel wichtiger ist
als der Lärm der Straße und die sich einen Vorzug daraus machen, von jedem
Winkelschieber übertölpelt zu werden. Jener sentimentale Widerstand gegen die
Zeit, die nicht besser und nicht schlechter, nicht reaktionärer und nicht
revolutionärer als alle anderen Zeiten ist, jene matte Opposition, die nach
Gebeten und Weihrauch schielt, wenn sie es nicht vorzieht, aus attischen Jamben
ihre Pappgeschosse zu machen – sie sind Eigenschaften einer Jugend, die es
niemals verstanden hat, jung zu sein. Der Expressionismus, der im Ausland
gefunden, in Deutschland nach beliebter Manier eine fette Idylle und Erwartung
guter Pension geworden ist, hat mit dem Streben tätiger Menschen nichts mehr zu
tun. Der Unterzeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf
DADA!!!!
zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer
Ideale erwarten. Was ist nun der DADAISMUS?
Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden
Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das
Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen
Rhythmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen
Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten
brutalen Realität übernommen wird. Hier ist der scharf markierte Scheideweg,
der den Dadaismus von allen bisherigen Kunstrichtungen und vor allem von dem
FUTURISMUS trennt, den kürzlich Schwachköpfe als eine neue Auflage
impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben. Der Dadaismus steht zum
erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte
von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind,
in seine Bestandteile zerfetzt.
Das BRUITISTISCHE
Gedicht
schildert eine Trambahn, wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen
des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen.
Das SIMULTANISTISCHE
Gedicht
lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest,
fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller
des Schlächters Nuttke.
Das STATISCHE Gedicht
macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald tritt der Wald mit
seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen, vielleicht tritt auch eine
Pension heraus, vielleicht Bellevue oder Bella vista. Der Dadaismus führt zu
unerhörten neuen Möglichkeiten und Ausdrucksformen aller Künste. Er hat den
Kubismus zum Tanz auf der Bühne gemacht, er hat die BRUITISTISCHE Musik der
Futuristen (deren rein italienische Angelegenheit er nicht verallgemeinen will)
in allen Ländern Europas propagiert. Das Wort Dada weist zugleich auf die
Internationalität der Bewegung, die an keine Grenzen, Religionen oder Berufe
gebunden ist. Dada ist der internationale Ausdruck dieser Zeit, die große
Fronde der Kunstbewegungen, der künstlerische Reflex aller dieser Offensiven,
Friedenskongresse, Balgereien am Gemüsemarkt, Soupers im Esplanade etc. etc.
Dada will die Benutzung des
neuen Materials in
der Malerei.
Dada is ein CLUB, der in Berlin gegründet worden ist, in den man eintreten
kann, ohne Verbindlichkeiten zu übernehmen. Hier ist jeder Vorsitzender, und
jeder kann sein Wort abgeben, wo es sich um künstlerische Dinge handelt. Dada
ist nicht ein Vorwand für den ehrgeiz einiger Literaten (wie unsere Feinde
glauben machen möchten), Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch
offenbaren kann, so daß man sagen muß: Dieser ist ein DADAIST – jener nicht;
der Club Dada hat deshalb Mitglieder in allen Teilen der Erde, in Honolulu so
gut wie in New Orleans und Meseritz. Dadaist sein kann unter Umständen heißen,
mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein – nur zufällig Künstler sein -
Dadaist sein heißt, sich von den Dingen werfen lassen, gegen jede
Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in
Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche).
Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch
Verneinung höher will. Jasagen – Neinsagen: das gewaltige Hokuspokus des
Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten – so liegt er, so jagt er,
so radelt er – halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht. Gegen die
ästhetisch-ethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des
Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe!
Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen in der Welt.
Gegen dies Manifest sein heißt Dadaist sein!
Tristan Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Janco. Richard Huelsenbeck.
Gerhard Preiß. Raoul Hausmann.
O. Lüthe. Frédéric Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot. Maria d’Arezzo. Gino Cantarelli. Prampolini. R. van
Rees. Madame van Rees. Hans Arp. G. Thäuber. Andrée Morosini. François
Mombello-Pasquati.
Dada
Die Veranstaltung am Freitag soll nochmal ganz im Zeichen des Dada stehen. Wir machen eine Performance, bei der möglichst viele verschiedene gestalterische Elemente eingesetzt werden sollen. Wenn wir eine Textgrundlage brauchen, dann sollten wir auf die Dadatexte, die unten in diesem Blog stehen, zurückgreifen.
Außerdem gibt es im Blog http://lyrics.blogg.de noch Texte aus dem Bereich der konkreten Poesie (in der Kategorie „Gedichte“.
Falls ihr Lieblings-Musikinstrumente oder Lieblings-Lärminstrumente habt, dann brauchen wir die am Freitag unbedingt. Außerdem könnt ihr euch schon mal Gedanken machen zu den Darstellungsformen, also:
Monolog, Dialog, Chor, mit oder oder Musik/Geräusche, Bühnenaufteilung, Status, Kostüme, Requisiten, Genre (Komödie, Valentinade, Tragödie, Kriminalspiel etc.), Ausdruck (wütend, säuselnd, fröhlich, traurig, etc.)
Es wäre toll, wenn ihr schon ein paar Ideen mitbringen würdet.
Falls ihr digitale Kameras habt, bringt sie mit! Falls ihr digitale Filmkameras habt, bringt sie mit!
Dada
Dada von Melanie
Gedichte dada
Die wasserprobe Max Ernst
Hierbei wird die Faust geballt
Daß der frosch zu boden knallt
Hier die magd die motten putzt
Daß der wind die dämpfe stutzt
Hierbei wird ein dampf verschluckt
Daß der greise bammel zuckt
Daß der warmen fische ei
Knall und fall ins einerlei
What a b what a b what a beauty Kurt Schwitters
What a b what a b what a beauty
What a b what a b what a a
What a beauty beauty be
What a beauty beauty be
What a beauty beauty beauty be be be
What a be what a b what a beauty
What a b what a b what a a
What a be be be be be
What a be be be be be
What a be be be be be be be a beauty be be be
What a beauty.
Unsittliches i-Gedicht
Kurt Schwitters
Dames-Hemden . . . . . . . . .
Dames-Pantalons, fransch model
Dames-Pantalons . . . . . . . .
Prima Dames Nachtponnen . . . .
Dames-Combinations . . . . . .
Heeren Hemden, zwaar graslinnen
Sekundenzeiger
Arp, Hans 1887-1966
daß ich als ich
ein und zwei ist
daß ich als ich
drei und vier ist
daß ich als ich
wieviel zeigt sie
daß ich als ich
tickt und tackt sie
daß ich als ich
fünf und sechs ist
daß ich als ich
sieben acht ist
daß ich als ich
wenn sie steht sie
daß ich als ich
wenn sie geht sie
daß ich als ich
neun und zehn ist
daß ich als ich
elf und zwölf ist.
DADA-Schalmei
Huelsenbeck, Richard1892-1974
Auf der Flöte groß und bieder
Spielt der Dadaiste wieder,
da am Fluß die Grille zirpt
Und der Mond die Nacht umwirbt,
Tandaradei.
Ach, die Seele ist so trocken
Und der Kopf ist ganz verwirrt,
Oben, wo die Wolken hocken,
Grausiges Gevögel schwirrt,
Tandaradei.
Ja, ich spiele ein Adagio
Für die Braut, die nun schon tot ist,
Nenn es Wehmut, nenn es Quatsch,- O
Mensch, du irrst so lang du Brot ißt,
Tandaradei.
In die Geisterwelt entschwebt sie,
Nähernd sich der Morgenröte,
An den großen Gletschern klebt sie
Wie ein Reim vom alten Goethe.
Tandaradei.
Dadaistisch sei dies Liedlein,
Das ich Euch zum besten gebe,
Auf zwei Flügeln wie ein Flieglein
Steig es langsam in die Schwebe.
Tandaradei.
Denk an Tzara denk an Arpen,
An den großen Huelsenbeck!
R. HUEL / SEN / BAG.
Schwitters, Kurt 1887-1948
rumsdiebums das gigerltum
vergißmeinicht rollt um den stuhl
glocke schlägt nur eins und zweiabgrund öffnet sich mit macht
stern rollt an den schönen mund
tauiger hase hängt am berg
in den steinen ist schöne nachtsankt faßanbaß springt aus dem ei
rumsdiebums die liegenschaft
vergißmeinicht rollt um den stuhl
glocke schlägt nur eins und zwei
te gri ro ro
te gri ri ri gri ti gloda sisi dül fejin iri
back back glü glodül ül irisi glü bü bü da da
ro ro gro dülhack bojin gri ti back
denn
berge mit eingebauten lärmapparaten
apportieren erzene schmetterlinge
irigri ro to gri gloda iridül gro bo gro
ro ro back ro ro back glodül dül irisi bojin
jin jin irisi sisi ro ro jin bü bü ro
denn
beeten eisiger monde
folgen lämmer in stählerner rüstung
gro bo gro gri gridül to to ti bü bü bo
to dül düljin sisi glo irisi ro ro gri sisi ti
back back bojin gloda sidül da da ro
denn
die sympathischen synthetischen menschen
sind halb so teuer als die landläufigen
glübübü glübebi ro ro ti dülback irisi gli glo
gri ro ro gri gloda sisi dülback dülback
ti ti ti ti gro bo ti ti bojin bojin
denn dennoch sandte er uns gruß und kuß
aus fernen giftigen nestern
die schwalbenhode
immer mit dem hammer
edeldene bessen vereden lammer
ein muskelspiel singt zum klavier
im schneeschrank brüllt der phosphorstier
immer mit dem hammer
edeldene besen vereden lammer
der siegenschwalben schaumkoloß
steigt mit den steinen hoch zu roß
immer mit dem hammer
edeldene besen vereden lammer
der feuer- und der wasserschwanz
erstrahlen im medaillenglanz
immer mit dem hammer
edeldene besen vereden lammer
die schwalbenhode rollt heran
das dadahaus ist aufgetan
Hugo Ball
1.
Der Exhibitionist stellt sich gespreizt am Vorhang auf
und Pimpronella reizt ihn mit den roten Unterröcken.
Koko der grüne Gott klatsch laut im Publikum.
Da werden geil die ältesten Sündenböcke.
Tsingtara! Da ist ein langes Blasinstrument.
Daraus fährt eine Speichelfahne. Darauf steht: „Schlange“.
Das packen alle ihre Damen in die Geigenkästen ein
und verziehen sich. Da wird ihnen bange.
Am Eingang sitzt die ölige Camödine.
Die schlägt sich die Goldstücke als Flitter in die Schenkel.
Der sticht eine Bogenlampe die Augen aus.
Und das brennende Dach fällt herunter auf ihren Enkel.
2.
Von dem gespitzten Ohr des Esels fängt die Fliegen
ein Clown, der eine andre Heimat hat.
Durch kleine Röhrchen, die sich grünlich biegen,
hat er Verbindung mit Baronen in der Stadt.
In hohen Luftgleisen, wo sich enharmonisch
die Seile schneiden, drauf man flach entschwirrt,
Versucht ein kleinkalibriges Kamel platonisch
zu klettern; was die Fröhlichkeit verwirrt.
Der Exhibitionist, der je zuvor den Vorhang
bedient hat mit Geduld und Blick für das Douceur,
vergißt urplötzlich den Begebenheitenvorgang
und treibt gequollene Mädchenscharen vor sich her.
Tristan Tzara
Negerlieder
Zanzibar
o mam re de mi ky
wir sind den Wahha entgangen haha
ea, ee ee, ea ee ee,
die Wawinza werden uns nicht mehr plagen oh oh
Mionwu bekommt kein Tuch mehr von uns hy hy
und Kiala wird nimmer uns wiedersehen he he.
Sotho-Neger
Gesang beim Bauen
a ee ea ee ea ee ee , ea ee, eaee, a ee
ea ee ee, ea ee,
Stangen des Hofes wir bauen für den Häuptling
wir bauen für den Häuptling
Suaheli
schaukeln iyo schaukeln
schaukeln iyo schaukeln
tu maassiti komm auf die Schaukel
setz dich und schaukele
wenn die Zeit der Hirse schaukelt
wollen wir die frische Hirse schaukeln
Hirse im Ort und schaukeln
vor Freude schaukeln
meine Mutter sagte mir verjage die Hühner
ich aber kann nicht fortjagen die Hühner
hier sitze ich ohne Füße
und der Reis der Mutter wird von den Vögeln gefressen
sch isch